„Vogt & Reetz im Wandel der Zeit“

ein historischer Abriss oder von der Entdeckung des Telefons

 

Erinnern Sie sich noch an den 4. März 1991? Ein Montag war das, aus Süd wehte ein schwacher Wind und die Temperaturen waren mit 8-13°C nicht untypisch für die Jahreszeit.

Die Welt schaute auf den Irak, wo sich der "Wüstensturm" zu legen begann und erste Treffen zwischen Vertretern der Alliierten sowie irakischem Militär einen Frieden in Aussicht stellten. Im wieder vereinigten Deutschland suchte man vergeblich nach Regierungsakten über den Mauerbau 1961 und musste sich eingestehen, dass die entsprechenden Unterlagen wohl schon lange vor dem politischen Umbruch "separiert" worden waren. Die Sportnation lachte über Bayern München, wurde doch der selbst ernannte Meister vom abstiegsbedrohten Kiezverein St. Pauli mit 0:1 "abgewatscht", und nahm Abschied von Ausnahmeschwimmer Michael Groß, verließ doch der an jenem 4. März die internationale Wettkampfbühne.

Natürlich tat sich auch in Rostock etwas. Dort sah man vor einem Haus in der Feldstraße zwei Männer schwitzen - und dann sich weiter mühen in dem Versuch, zwei Schreibtische und einige Stühle in die Büroräume unterm Dach zu bugsieren. Diese Räume und dieses Mobiliar stellten sozusagen den Startblock dar für ein Unternehmen, welches sich bis heute nicht nur räumlich weiterentwickelt hat. Die beiden Herren, die sich an nämlichem Tag mit den sperrigen Tischen plagten, waren Dirk Vogt und Holger Reetz und was sie einrichteten, war ihre erste gemeinsame Kanzlei.

heute: S wie Steuer
Das Wort Steuer, seines Zeichens ein Femininum, hat seinen Ursprung im althochdeutschen stiura, was so viel wie Stütze oder Unterstützung bedeutet. Sich im Mittelhochdeutsch als stiur(e) wiederfindend meint es schon das, was sich auch heute noch hinter dem Wort Steuer verbirgt: Abgaben, die dem Bürger vom öffentlich-rechtlichen Gemeinwesen ohne Rücksicht auf einen möglicherweise entgegenstehenden Willen und ohne Anspruch auf eine spezielle Gegenleistung auferlegt werden. Steuern dienen vor allem der Finanzierung öffentlicher Körperschaften und sind an bestimmte Besteuerungstatbestände geknüpft. Im gleichen Atemzug teilt sich das Wort Steuer seine semantische Ebene mit der Beschreibung einer technischen Lenkvorrichtung. Die etymologischen Zusammenhänge und die Art der Verknüpfung von dem Steuer und der Steuer sind nicht ausreichend klar.

Was die sprachliche Präsenz angeht, so hat die Steuer im Sinne der Abgabe ganz klar die Nase vorn. Der Duden zählt bis heute an die 100 Zusammensetzungen von denen klägliche 15 auf Worte wie Steuermann oder Steuerrad verweisen. Die längste Kreation ist im Übrigen beispielhaft für den diffizilen Charakter des Steuerrechts und lautet Steuervergünstigungsabbaugesetz - dicht gefolgt vom Steuerermittlungsverfahren.

Monate zuvor hatte die Idee eines gemeinsamen Unternehmens erste Konturen angenommen. Mit dem letzten Stuhl bekam nun alles seine endgültige Gestalt und die ersten Mandanten ließen nicht lange auf sich warten. Wie auch der, wenigstens den Grenzen nach, frisch gebackene Staat noch mit Schwierigkeiten kämpfte, die ein Neubeginn mit sich bringt, so sahen sich auch die beiden Unternehmensgründer noch mit einigen fundamentalen Problemen konfrontiert. Dass es an einem Telefon mangelte, die ehemalige DDR hatte es auf diesem Gebiet zu trauriger Berühmtheit gebracht, wog besonders schwer. So musste das tragbare Autotelefon von Herrn Vogt getreulich seinen Dienst tun.

Allerdings ist für eine Steuerberatungskanzlei ein Telefon doch unerlässlich und ein Funktelefon keine preiswerte Variante. Aus diesem Grund sah man sich nach vier Monaten gezwungen, die Büromöbel an einen anderen Ort zu verbringen. Vogt & Reetz wechselte samt Aktenschrank und Besucherstuhl in die Schlesingerstraße, schließlich gab es hier schon ein funktionierendes Telefon. Ein halbes Jahr nur dauerte die Liaison mit dem ehemaligen Lehrlingswohnheim in der Schlesingerstraße. Danach trennten sich die Jung-unternehmer von ihrem alten Domizil, um in dem neuen zwar mehr Platz aber vorerst wieder mal kein Telefon vorzufinden. In der Dethardingstraße, der dritten Adresse der Kanzlei Vogt & Reetz, gingen wiederum zwei Monate ins Land, bevor endlich ein problemfreier Umgang mit Rufzeichen und Klingelton gewährleistet worden war. Mit Einrichtung der neuen Telefonanlage blieb die Kommunikation nicht mehr auf der Strecke. Allerdings gab es nur ein Büro und somit war jeweils immer der eine gezwungen, dieses zu verlassen, wenn der andere seine Mandanten empfing. Trotz jener Beschränkungen wuchs dem Gründerteam die Arbeit langsam über den Kopf.

Frau Hömke-Lange war als erste berufen, den beiden etwas von dem abzunehmen, was sich auf ihren Schreibtischen zu stapeln begann. Ihrer Einstellung folgten weitere. Alsbald verstärkten Bärbel Felsko, Uwe Behling und Helmut Kronen das Team von Vogt & Reetz. In den Räumen der Dethardingstraße erwuchs langsam das, was für die Kanzlei bis heute bezeichnend geblieben ist.

In der ehemaligen 3-Raum-Wohnung herrschte stets eine familiäre Atmosphäre, jedem Mandanten wurde eine freundliche Begrüßung zuteil und der Geruch von frischem Kaffee durchzog ganztags die Büroräume. Auch innerhalb des Teams wuchs das Miteinander, nicht zuletzt gestärkt von Zusammenkünften wie der so genannten "Nudelrunde". An einem jeden Montag versuchte man den bescheidenen Möglichkeiten der Nahrungsbeschaffung aus dem Weg zu gehen, indem wechselseitig jeder Mitarbeiter berufen war, für die anderen ein Pastagericht zustande zu bringen. Als lieb gewonnenes Ritual löste sich die "Nudelrunde" mit dem Umzug in die Große Wasserstraße im Juli 1994 in jene Luft auf, die jeden Montag heiß und dampfend aus den Kochtöpfen gestiegen war.

Die Große Wasserstraße galt vielen als eine besondere Adresse und das nicht nur weil es leichter war, sich zu verpflegen. Wenn auch die neuen Räumlichkeiten entscheidend größer waren, so blieb doch der familiäre Charakter völlig unberührt. Über die Klingel an der Eingangstür meldeten sich die Mandanten an, wurden hereingelassen und fanden, wenn es das Wetter erlaubte, die Belegschaft auch schon mal bei einem gemeinsamen Frühstück auf dem Balkon vor. Da ergab sich die Tasse Kaffee wie von selbst.

Ulf Hunger und Kathleen Matzkeit wurden eingestellt, ergänzen das Team der aufstrebenden Kanzlei seit 1995. Mit zunehmendem Wachstum wurde ein Sekretariat unabdinglich. Im selben Maße unabdinglich wurde ab diesem Zeitpunkt auch Frau Hohenstein, die den neuen Posten von Anfang an bekleidete. Teilte sie sich ihren Arbeitsplatz anfänglich noch mit drei Mitarbeitern, so wurde der Empfangsbereich doch bald in den Flur verlagert. Immerhin kann der Geräuschpegel einer funktionierenden Telefonanlage, die gab es hier übrigens von Anfang an, jegliche Konzentration zunichte machen.

Wem es zwischenzeitlich mehr oder minder vergönnt war, ganz allein zu arbeiten, war Herr Behling. Als Büroleiter der 1996 eröffneten Güstrower Filiale spornte ihn die Isolation zu solchen Höchstleistungen an, dass nachfolgend eine verstärkte Präsenz der Firmengründer erörtert wurde. Da sich jedoch keiner der beiden so recht entschließen konnte, das Los von Herrn Behling zu teilen, senkte sich schon bald der Vorhang hinter dem bisher einzigen Expansionsversuch von Vogt & Reetz. Herr Behling kehrte zurück nach Rostock - wohin ihm auch ein Großteil der in Güstrow neugewonnenen Mandanten folgte.

Wenn auch das Arbeiten in der Großen Wasserstraße effizient und konzentriert möglich war, so verblieb doch die ansteigende Betriebsgröße keineswegs im rechten Verhältnis zu den räumlichen Bedingungen. Im Oktober 1998 waren Vogt & Reetz erneut gezwungen, sich nach geeigneten Räumlichkeiten umzusehen und fanden sie im Herzen der Rostocker Innenstadt. Somit hieß es nach vier Jahren wieder Koffer packen. Zu den besagten Koffern gesellten sich nun noch eine Unzahl an Kartons hinzu, randvoll gefüllt mit Akten und Formularen, Unterlagen und Haftnotizen, Ordnern und Terminplanern etc. Da nun Papier in einem solchen Umfang schwerer wiegt als man annehmen möchte, wurden die Mitarbeiter bei diesem Umzug erstmals von einem professionellen Unternehmen unterstützt.

Nachdem in der Zur Himmelspforte 1 die Rollen in bewährter und die Büros in neuer Form verteilt waren, stand einer weiteren Tätigkeit nichts mehr im Weg. Das bisherige Arbeiten wurde sogar noch erleichtert, stand und steht doch bis heute in dem neuen Büro auch die neueste Technik zur Verfügung. Probleme mit dem Telefon gab es nicht mehr, Zustände wie jene aus den Anfangszeiten waren und sind allenfalls noch Gegenstand einer amüsanten Rückschau. Gewöhnungsbedürftig blieben zuerst die langen Wege, welche durch die Kanzlei führen, lassen sie doch jeden Gang zu Drucker oder Kopierer zur unfreiwilligen Trainingseinheit geraten. Überhaupt wurde es enger auf den Fluren, neben der Mandantenzahl hatte sich mittlerweile auch die Zahl der Mitarbeiter erhöht.

Beate Dobler und Edda Eickhoff gehören seit 2001 zum Team von Dirk Vogt und Holger Reetz. Frau Dr. Sabine Reetz eröffnete am historischen 4. März, genau zehn Jahre nach der Firmengründung ihres Mannes, eine eigene Unternehmensberatung unter der gleichen Adresse und baute mit diesem Angebot die Serviceleistungen der Zur Himmelspforte 1 weiter aus. Ebenfalls 2001 wurde Janett Borchardt eingestellt, ihr folgte Anett Arndt. Gerade sie verkörpert als erster Kontakt im Empfangszimmer die Mentalität des Teams. Der freundliche Umgang mit den Mandanten als auch untereinander blieb erhalten, wurde gestärkt von jedem neuen Mitarbeiter.

Lorin Schulz, Peggy Fiedler, Antje Reichenbach, Franziska Röwekamp und Andrea Markwardt kamen zum Teil als Schwangerschaftsvertretung und blieben bis zum heutigen Tag. Die Frauenquote des Unternehmens erfuhr somit einen ungeahnten Aufschwung. Am Ende erlebte selbst die alte "Nudelrunde" ihre Renaissance, wurde allerdings als freitägliche Kuchenrunde wiedergeboren.

Wir sind auf der Reise durch die Firmengeschichte im Hier und Heute angelangt. Fünfzehn Jahre sind vergangen, seitdem zwei Männer ihre ersten Schreibtische und ihre ersten Visionen unter das Dach der Feldstraße buckelten. Beides hat sich verändert. Die Schreibtische von damals sind längst neuem Mobiliar gewichen, aus den Visionen ist Wirklichkeit geworden. Heute ist Vogt & Reetz eine namhafte Kanzlei, die sich ihre Sporen verdient hat. Ihr Engagement erschöpft sich nicht nur in der Ausbildung neuer Fachkräfte. Weit darüber hinaus sind auch die "alten Hasen" ständig bestrebt, die Qualität der Beratung beständig zu steigern.

Rückblickend schreibt die vergangene Zeit eine Geschichte vom Telefon und seinen Tücken, eine Geschichte von Menschen und ihren Träumen, eine Geschichte von Freundschaft, Loyalität und nicht zuletzt - die Erfolgsgeschichte eines Unternehmens. Dirk Vogt und Holger Reetz schauen zusammen mit ihren Mitarbeitern in eine berufliche Zukunft, welche wenigstens noch einmal fünfzehn Jahre dauern könnte. Insofern wird noch viel Zeit vergehen, bevor sie dann, wie einst Michael Groß - oder der "Albatros", wie ihn die Sportbegeisterten nannten - ihren Abschied nehmen aus dem Wettkampfgeschehen.